Copyright by Jan-Geert Lukner
Nun ist sie zehn Jahre her, die Wende. Vergessen sind weitestgehend die euphorischen Bilder
und der Jubeltaumel. Erschreckend groß ist der Teil der Deutschen, der gar den Wiederaufbau
der Mauer fordert. All zu groß sind -gerade im Osten- die Probleme geworden. Es gibt Wessis, die
noch nie im Osten waren und im Osten laufen auch anno 1999 noch Gestalten rum, an denen die
Wende offenbar spurlos vorübergegangen ist.
Anlässlich des zehnten Jahrestages der Wende möchte ich an dieser Stelle berichten, wie ich
die Wende erlebt -zum Teil aber auch verpennt- habe. Nie vergessen werde ich die überfüllten
Sonderzüge, die von Mecklenburg nach Hamburg kamen, und meine ersten Schritte im Osten,
nachdem jahrelang die Welt für mich 30 km östlich meines Wohnortes Hamburg-Bergedorf endete.
Daher war ich eigentlich an den vorhergehenden Tagen mehr damit beschäftigt, mich an
irgendwelchen Fotomotiven im nördlichsten Bundesland einregnen zu lassen, als dass ich in den
Medien verfolgt hätte, was auf den Straßen von Leipzig und anderen ostdeutschen Städten abging.
Entsprechend überrascht war ich am Vortag, dem 18.10., gewesen, als Erich Honnecker, der greise
Herrscher des Ostens, von Egon Krenz gestürzt worden war. Egon Krenz versprach nun ein Reisegesetz,
das den "Brüdern und Schwestern" jenseits des Zaunes zwar etwas mehr Freiheit geben sollte, das
die Geschehnisse, die da kommen sollten, jedoch noch nicht erahnen ließ. Entsprechend kümmerte ich mich
weiter um meine Tourenkarte.
Heute stand der Schrankenposten von Reecke zwischen Reinfeld und
Lübeck-Niendorf auf dem Programm. Auf dem Hinweg bekam ich in Lübeck die Ankunft des Schnellzuges
aus Güstrow mit. Die 132 konnte ich schön fotografieren. Habe ich es damals für möglich
gehalten, dass nur wenige Jahre später diese Baureihe die meisten Züge auf der Vogelfluglinie
bespannen würde? Dass diese Loks bis Hamburg kommen würden? Wohl kaum. Der Schrankenwärter
in Reecke schilderte mir das "Problem", dass die aus Richtung Osten kommenden zwei Züge bei ihm im
Kollegenkreis "Honni" hießen. Doch nun müssten sie sich einen neuen Namen suchen. Ob
er es damals für möglich gehalten hat, dass einen Monat später die "Honni"-Züge morgens
im Halbstundenabstand von Mecklenburg nach Lübeck gelangen würden? Wohl kaum.
An den folgenden Tagen spitzte sich weitestgehend unbemerkt von mir die Lage in der DDR immer
weiter zu.
Am 04.November hat die Zahl der Demo-Teilnehmer in Ost-Berlin die 1 Mio-Marke erreicht. Man ist
mit dem neuen Reisegesetz nicht zufrieden. Schabowski gibt noch immer Statements in alter
DDR-Manier ab: "Vorwärts im festen Bund mit unseren sowjetischen Freunden".
Am 05.November trafen die ersten Sonderzüge aus Prag in der Bundesrepublik ein. Die Bilder der langen Züge, aus denen die jubelnden Menschen in Trauben aus den Fenstern hingen, jagen mir auch heute noch Schauder den Rücken hinunter. Dennoch begann ich nicht zu realisieren, welches geschichtliche Ereignis uns bevorstand. Nur in üblichem Maße verfolgte ich die Berichterstattungen.
Wir jedoch genossen in Trier den guten Wein, kämpften mit den Folgen am nächsten Tag
(gut, ich hab' zwischendurch noch die eine oder andere 184 "erlegt") und bemerkten
eigentlich erst auf der Rückfahrt an den vielen Trabbis auf der Autobahn, dass da etwas besonderes
passiert war.
Die DDR-Führung zerbrach bald darauf und am 13.11. wurde Hans Modrow zum neuen Ministerpräsidenten der DDR gewählt. In diesen Tagen drückte ich wieder fleißig die Schulbank. Erst am darauffolgenden Wochenende hatte auch ich gerafft, dass man an diesem geschichtlichen Ereignis mal teilhaben sollte. Also: Auf in Richtung Grenze! Hinüber durften wir Wessis ja noch immer nicht.
In Nettelnburg stieg ich in die S-Bahn, die daraufhin mit voller Geschwindigkeit nach Bergedorf fuhr.
Das war ungewöhnlich, da bei planmäßiger Einfahrt nach Gleis 3 Langsamfahrt angesagt gewesen wäre.
Wir fuhren also nach Gleis 2 ein. In Gleis 3 stand eine S-Bahn. Das war auch ungewöhnlich. Und dann
gingen mir die Augen über. Nach Gleis 4 fuhr ein von einer roten 218 gezogener Zug mit mir bis dahin
unbekannten Wagen ein. Es handelte sich um 16 sechzehn (!) Bghw-Wagen! Die Türen gingen auf und
plötzlich wimmelte der Bahnsteig von ungewöhnlich gekleideten Menschen mit karierten Stoffbeuteln
in den Händen. Aus dem Lautsprecher tönte die Stimme des Bahnhofsleiters (mein späterer Chef...), der
die Reisenden herzlich in Bergedorf Willkommen hieß und als Anschluß nach Hamburg
auf die gegenüber in Gleis 3
stehende S-Bahn hinwies.
Die vielen Menschen schauten sich irritiert oder einfach nur neugierig um.
Einige stellten fest, dass es rund um den Bergedorfer Bahnhof auch schon einiges zu entdecken gab.
Ich wurde gefragt, wann denn die nächsten Fahrgelegenheiten weiter nach Hamburg bestehen würden und
ob es denn in Bergedorf gute Einkaufsmöglichkeiten gäbe. Mein erster Kontakt mit Ossis...
Später erfuhr ich, dass der Zug aus Hagenow kam, und zwar ziemlich überraschend. Die Betriebsleitung
in Hamburg hatte einen Anruf vom Fahrdienstleiter Büchen bekommen, dass die Reichsbahn einen
Sonderzug nach Hamburg schicken würde, der bereits in Schwanheide stand. Natürlich hatte die
Bundesbahn diesen Zug nicht weigern können, auch wenn er völlig improvisiert auf die Beine gestellt
worden war. Mangels Platz im Hamburger Hbf wendete der Zug bereits in Bergedorf.
Ich quetschte mich in die völlig überfüllte S-Bahn in Gleis 3 und fuhr mit ihr zurück nach Nettelnburg, um den Sonderzug bei der Einfahrt in den dortigen Güterbahnhof zu fotografieren, wo die Lok dann umsetzte. Die Mecklenburger waren begeistert von den sich zischend öffnenden Türen, die ausgiebig ausprobiert wurden, und von der schnellen Beschleunigung der S-Bahn. Das hörte ich als Hamburger natürlich gern. Schließlich ist man ja etwas stolz auf seine Umgebung...
Nachdem in Bergedorf so viel los war, interessierte mich natürlich, was in Hamburg so passierte. Daher fuhr ich mit der nächsten S-Bahn nach Hamburg weiter. Den Hauptbahnhof erreichte ich rechtzeitig, um die Ankunft eines Sonderzuges aus Rostock (über Lübeck) beobachten zu können. Auf dem Bahnsteig standen zig Leute mit Namensschildern in den Händen. Sie erwarteten offenbar Angehörige, die sie etwas länger nicht mehr gesehen hatten... Auch Fernsehteams waren vor Ort. Als der Zug hielt, wieder diese Menschen in ihren Plastejacken und Stonewashed Jeans.

Nun endlich ging es nach Lauenburg (wie auch immer; wahrscheinlich mit dem Schnellbus, ich habe
über Fahrten innerhalb des HVV nie Tagebuch geführt). In Lauenburg schauten wir als erstes in
Richtung Grenzübergang. Die ganze Stadt war voll von Trabbis, Ladas usw. Bei strahlend blauem
Himmel machten wir (jetzt war auch mein Schulfreund Lorenz mit von der Partie; keine Ahnung, wo
wir uns getroffen hatten) Aufnahmen an der B5 und am Elbe-Lübeck-Kanal.
Die Leute in den Autos
grüßten und hupten allen anderen am Straßenrand zu. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung.
Die Triebwagen auf der
Strecke Lübeck - Lüneburg bestanden heute aus zwei Einheiten. Die sonst
zweimal täglich bediente Buslinie 27 von Lauenburg nach
Horst, die bisher für mich eher etwas gespenstisches hatte (sie führte immerhin hinter das Ende
der erreichbaren Welt), war auf einen Stundentakt verdichtet worden. Auf dem Lauenburger ZOB
warteten wahre Menschenmengen auf die Rückreise in das benachbarte Boizenburg.
Abends suchten wir dann nochmal den Hamburger Hauptbahnhof auf. Es standen Züge in Richtung
Schwerin und Rostock auf dem Programm. Ich habe die Bahnsteige wohl noch nie so voll gesehen.
Dicht gedrängt standen die Menschen zwischen den zwei Bahnsteigkanten des Mittelbahnsteigs.
Nun waren sie schwer bepackt. Kinder probierten ihre neuen Walkmen aus, Erwachsene hatten sich mit
größeren technischen Geräten oder Kleidung eingedeckt. Bei Bereitstellung der Züge chaotische
Szenen. Einige Leute hoben sich gegenseitig durch die Fenster in die Züge.
Ein langer Tag für die DDR-Bürger, aber auch
für uns, ging zuende.


Um 6.24 Uhr war der Zug dann wieder in
Hamburg.
Die Wagenreihung des "Lichtenberger"s, wie wir ihn nannten, variierte stark. Mal waren es
nur DB-Abteilwagen, dann mal nur Silberlinge mit einem Bm in der Mitte. Gelegentlich bestand
das 1.Klasse-Kontingent aus einem AByg... Auch der Sonderzug von Hagenow nach Hamburg-Bergedorf
verkehrte am 25.11. erneut, war allerdings nicht mehr ganz so lang und bestand aus Bmh-Wagen.
Es war ein Handzettel mit den zusätzlichen Zugverbindungen herausgegeben worden. Ab wann er genau
gültig war, kann ich leider nicht mehr nachvollziehen. Drauf stand nur: "Gültig bis 1.1.90".
Hamburg hatte einiges für die DDR-Bürger auf die Beine gestellt. Das Hamburger Abendblatt
verteilte kostenlose Sonderausgaben über alles Wissenswerte zu Hamburg und seiner Infrastruktur.
Es wurden Festzelte aufgestellt; es wurde gefeiert.
