Copyright by Jan-Geert Lukner

Der Ikarus-
Schlenki war ganz gut besetzt, aber nicht überfüllt. Es war ein mulmiges Gefühl, auf die Grenze
zuzufahren. Eine Grenzkontrolle gab es schließlich noch immer und man hatte ja von diesen Kontrollen
einiges gehört. Andererseits war es ein tolles, befriedigendes Gefühl, endlich die Straße
hinunterzufahren, entlang derer man schon so häufig geschaut hatte, um einen Blick von der
Grenzstation zu erhaschen.
Eine Straße, die bisher in das Nichts geführt hatte und an der nun
plötzlich in nicht allzu weiter Entfernung eine richtige Stadt lag.
An der Grenze tauschten wir uns erstmal Geld um; dazu reichte der Grenzaufenthalt dicke. Die
mit Spannung erwartete Grenzkontrolle verlief bald enttäuschend unkompliziert.
Interessant fand ich
die umgehängten Schreibpulte der Grenzer, auf denen unsere Pässe abgestempelt wurden.
Vor Boizenburg passierten wir einen weiteren Kontrollpunkt, der allerdings schon unbesetzt war.
Der erste Eindruck von der Stadt Boizenburg war eher ernüchternd. Das Hafengebiet war trist und
die Wohnblöcke, die man etwas abseits der Straße sah, wirkten auch nicht gerade hübsch.
Das Stadtzentrum gefiel dann schon besser. Die Backsteinhäuser waren gut erhalten und das Rathaus war ein kleines Prachtstück. Leider parkten auf dem schönen Platz davor bereits jetzt zu viele Autos, als dass man vernünftig hätte fotografieren können. Wir wollten nun einen Blick von der Elbe erhaschen, waren dabei jedoch irgendwie auf dem falschen Weg gelandet und kamen durch Gassen, in denen die Häuser einen nicht mehr ganz so repräsentativen Eindruck machten. Besonders wohl fühlten wir uns in diesem Moment beide nicht. Die Menschen wirkten sehr fremd. Am stärksten beeinflusst wurde das Unwohlsein allerdings dadurch, dass das Wetter furchtbar trübe war. Es war saukalt und der für mich bestenfalls aus meiner Kindheit erinnerliche Geruch der Braunkohle hing schwer über der Stadt. Nun wurde es Zeit, mit dem Stadtbus weiter zum Bahnhof zu fahren. Irgendwie fanden wir zunächst die richtige Haltestelle nicht. Ein Bus fuhr uns dadurch vor der Nase weg. Wir hätten allerdings eh nicht mehr hineingepasst... Das nächste Problem war die Beschaffung der Fahrscheine. Eine alte Dame hatte uns angesprochen und erzählt, dass es beim Fahrer keine Fahrscheine gäbe. Und für den Vorverkauf war die Zeit nun zu knapp. Sie schenkte uns die benötigten Tickets ganz unbürokratisch. Wir passten sogar noch in den nächsten Bus hinein...
Wieder ein oranger Ikarus-Gelenkbus. Und wieder proppevoll. Es herrschte gerade Schülerverkehr.
Da war allerdings ein dicker Unterschied zum Westen: Die Schüler waren friedlich! Es kamen keine blöden Sprüche,
niemand benahm sich daneben; im Gegenteil: Sie legten uns gegenüber ein sehr höfliches Auftreten
an den Tag und wirkten einfach unverdorben. Vielleicht hätte man die Mauer bloß verlegen sollen:
Von Berlin in deutsche Wohnzimmer vor alle Glotzen...
Am Bahnhof bekamen wir wunderschöne Pappfahrkarten nach Hagenow Land. Der Spaß kostete drei
Ostmark. Und dann war es soweit: Meine erste Zugfahrt im Reichsbahnland stand nun kurz bevor.
Die erste Zugfahrt, der unzählige folgen sollten.
Die 110 mit ihren fünf Wagen kam herangebraust und legte eine
tierische Vollbremsung hin.
Nachdem wir auf den schmierig aussehenden gelbbraunen Kunststoffbezügen Platz genommen hatten,
zog die 110 den Zug langsam aus dem Bahnhof auf die eingleisige Strecke. Nur mühsam schien sie sich die
Höchstgeschwindigkeit zu erkämpfen. Im Zug fiel uns positiv auf, dass es zwar in den Bghw-Wagen jeweils
zwei Abteile gab (das andere hatte dunkelgrüne Sitzbezüge), dass jedoch in beiden Abteilen das
Rauchen verboten war. Der eine Vorraum verfügte über einen großzügigen Kinderwagenstellplatz.
Wenn man sich jedoch Details der Wagen anschaute, überkam einem eine gewisse Ernüchterung.
Mir fielen z.B. die Fensterdichtungen auf, deren Gummiwulst oft nicht präzise abgeschnitten war und
somit einen Zipfel in das Abteil hinein bildeten. Die Farben des Wagens erinnerten mich an von Hand
umlackierte Modellbahnwagen, bei denen selten die hundertprozentige Präzision
einer maschinellen Fertigung erreicht werden kann. So hatten auch Dichtungsgummi und Fenster
grüne Farbspritzer der Außenfarbe erhalten...
Die Zugführerin dürfte gerade das achtzehnte Lebensjahr erreicht gehabt haben. Die Fahrkarte
wurde resolut-wortlos gelocht. Sie wirkte irgendwie abgestumpft. Später haben wir das immer
wieder beobachten können: Extrem junge Eisenbahner(innen), die ein gewisses Desinteresse an den
Tag legten. Im Gegensatz dazu standen ihre älteren Kollegen, die meist durch eine ungeheure
Resolutheit (insbesondere die Frauen) und mega-korrekte Dienstausübung auffielen. So übertrieben
das manchmal auch wirkte, so beeindruckend war doch die fachliche Sicherheit, die diese Reichsbahner an den
Tag legten; sei es im Bereich der Tarife oder in technischen Belangen.
Doch kehren wir in den P 7369 zurück. Über den Bahnhof Kuhlenfeld wunderten wir uns etwas. Er sah
mit seinen hohen Lichtmasten aus wie ein Grenzbahnhof, doch die Grenze war hier doch schon wieder
ein Stück weg. Wie wir später erfuhren, handelte es sich um den Grenzkontrollpunkt für Güterzüge.
Hinter Kuhlenfeld führte die Strecke über weite LPG-Flächen.
Auch diese wirkten wegen des trüben Wetters fürchtbar öde.
Allerdings hatte ich mir die Flächen nach den bisher gehörten Erzählungen wesentlich
größer vorgestellt. Auch an kleinen Unterwegsstationen gab es einen beträchtlichen Fahrgastwechsel.
Ein Streckenläufer, der auf der anderen Seite des Ganges saß, erzählte uns etwas
von seiner Tätigkeit. In Pritzier überholte uns der Transitzug D 333 nach Berlin.
Dann Hagenow Land. Ich hatte das Gefühl, in die Kindheitszeit meines Vaters zurückversetzt worden zu sein. Was später eine beliebte Kulisse für meine Zugfotos abgeben sollte, wirkte an diesem dunklen, grauen Januartag nur erschlagend auf uns: Der holprige und mit Kopfsteinen gepflasterte Bahnhofsvorplatz, auf dem knatternd einige Trabbis bläulich weiße Abgaswölkchen ausstießen, der Kohlehaufen vor dem Postgebäude, die finsteren knorrigen Bäume an der Schranke und nicht zuletzt die alten Bahnanlagen mit den Formsignalen, dem Wasserturm und dem Bw mit der Aufschrift ”Berlin ruft die Jugend”. Im Postamt versuchten wir, Geld zu tauschen. Ging jedoch nicht. Die Postbeamtin zeigte uns gegenüber eine extrem distanzierte Resolutheit, die jedoch schnell wich, als sie merkte, dass Wessis nicht immer ”Besserwessis” sind. Zum Schluss war sie die Herzlichkeit in Person und telefonierte für uns in der Weltgeschichte herum, um eine Geldtausch-Möglichkeit zu finden.
Wir hatten jetzt noch die Möglichkeit, mit dem ”Arbeiterzug” nach Wittenburg und zurück zu fahren. Die Zuggarnitur war die gleiche wie von Boizenburg.
Im Zug saßen viele Arbeiter und Arbeiterinnen, die ihr Bier vor sich stehen hatten (wenigstens eine Gemeinsamkeit in Ost und West) und die uns ziemlich finster anschauten. Die Zeit reichte, um eine Station über Hagenow Land hinaus bis Strohkirchen zu fahren. Dabei handelte es sich um einen kleinen Haltepunkt mit Blockstelle (!). Mittlerweile war es dunkel geworden, so dass wir das Vorhandensein eines Fahrkartenschalters erst entdeckten, als wir das kleine Blockstellengebäude näher in Augenschein nahmen. Eine Fahrkarte nach Büchen konnten wir hier zwar nicht bekommen, wohl aber bis Schwanheide (für 4 M pro Person). Dann war auch bald der starke Scheinwerfer unseres Zuges in der Ferne zu sehen.
Er kam erst ca 200 m weiter an einem einzelnen Seitenbahnsteig zum Stillstand. Von dort
setzte sich ein langer Tross Menschen entlang der Straße und über die Schranke zum
Grenzgebäude in Bewegung. Durch die vielen Scheinwerfer herrschte eine unwirkliche Stimmung.
Die Paß- und Zollkontrolle verlief wieder völlig unspektakulär und bald fanden wir uns in
einem riesigen im Charme der sechziger Jahre eingerichteten Wartesaal wieder, der sogar von der
Mitropa durch einen besseren Kiosk bewirtschaftet wurde. Es gab ... na ja, ist ja
eigentlich klar, oder? Natürlich Bockwurst mit Kartoffelsalat. Man konnte aber auch Bockwurst
zum Kartoffelsalat bekommen. Die Stimmung im Saal war allerdings unbeschreiblich. Wildfremde
Leute tauschten ihre Erlebnisberichte nach den ersten Schritten im Osten aus. Das anfängliche
Murren über die lange Wartezeit wich einer gewissen Ausgelassenheit. Plötzlich ertönte aus
einer der holzverkleideten Telefonzellen eine laute aufgeregte Stimme, die in den Hörer brüllte: ”Haaaalo! Ja, ich bin jetzt drüüüben! --- Wiiiie? --- Ja, in Schwaaaaanheiiiide!” Wie der ganze Wartesaal dem weiteren Gespräch entnehmen konnte, war der Typ nur mal kurz aus Hamburg über die Grenze gefahren und wollte mit dem nächsten Zug zurück. Auch eine Art, sich über die Grenzöffnung zu freuen...
Eine halbe Stunde vor Zugabfahrt öffnete der internationale Schalter im Plattenbau (zu den übrigen Zeiten bediente die Reichsbahnerin am Binnenschalter im alten Bahnhofsgebäude, wo es aber keine internationalen Fahrausweise gab). Am Schalter glaubten wir, uns zu verhören. Die Frau wollte doch glatt 10,20 DM für die sieben Kilometer bis Büchen sehen (wie wir später erfuhren, geht bei jeder internationalen Fahrkarte ein Festbetrag an die CIV. Dieser Festbetrag machte bei dieser kurzen Distanz den größten Anteil des Fahrpreises aus). Da wir arme Schüler waren, waren wir natürlich sehr über diesen Preis schockiert. Denn dieser Horrorpreis würde auch weitere DDR-Touren, die wir ja fest vorhatten, in Frage stellen. Die Fahrkartentante meinte daraufhin schnippisch, wir könnten bezahlen, wir könnten es aber auch bleiben lassen...
