Copyright by Jan-Geert Lukner
In Ludwigslust etwas um den Block gegangen. Die Plattenbauten in Bahnhofsnähe gefielen uns
allerdings weniger... Am Bahnhof standen viele Uniformierte rum, die uns argwöhnisch beäugten
(das Gefühl hatten wir jedenfalls). Wir konnten die verschiedenen Uniformen noch nicht richtig
einschätzen. Lediglich die Sowjetsoldaten erkannten wir ziemlich schnell als solche. Bald
wussten wir dann aber auch, dass blau die Farbe der Trapo und grün die der Vopo war.
Die Weiterfahrt sollte mit einem D-Zug stattfinden, der zwar nicht nach Berlin, aber wenigstens
über Potsdam (weiter nach Dresden) fahren sollte. Die Fahrkarte kostete inclusive D-Zug-Zuschlag
16,60 M (also in DM 5,50).
Unten gab es eine Ferkeltaxe und eine 228 zu fotografieren. Es war nasskalt und der Boden war
sogar stellenweise weiß. Der Himmel zeigte sich wie schon in den letzten Tagen von seiner
deprimierendsten Seite.
Wir hatten natürlich erwartet, nun mit einer neuen S-Bahn direkt nach Berlin fahren zu können.
Dazu waren wir dann aber doch drei (?) Jahre zu früh dran...
Also erstmal mit der Straßenbahn in die Innenstadt gefahren.
Von dort ging es mit einem nicht schlecht besetzten Doppelstöcker der BVG in den Berliner Westen.
Am Kontrollpunkt mussten alle den Bus verlassen, zu Fuß durch die Kontrolle laufen und auf der
anderen Seite wieder einsteigen. Vor dem Bahnhof Wannsee wünschte der Busfahrer über
Lautsprecher einen schönen Aufenthalt und gab den wohlgemeinten Ratschlag “... und jeben se nich
zu viel Jeld aus!”. Wie wir so in Wannsee auf die S-Bahn warteten, bekamen wir zum ersten Male
an diesem Tag die Sonne zu sehen. Sie ging gerade unter...
Mit der S3 fuhren wir in guter alter Holzklasse in die Innenstadt, wo wir uns zunächst am Zoo mit
paar Lebensmitteln eindeckten. Dann ging es weiter zur Friedrichstraße. Erstmalig durfte ich hier
nun auch mal hinter die große Trennwand schauen. Vorher mussten wir uns allerdings von Wahnsinns-
Menschenmassen durch die Paßkontrolle schieben lassen. Natürlich wollten wir auch einen Stempel
in den Reisepass bekommen. Mittlerweile hatten wir völlig die Orientierung verloren. Als ich
später mal wieder an der Friedrichstraße war, konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, wo einst
die ganzen Kontrollstellen untergebracht waren. Auf dem Weg zur Ost-S-Bahn wurden wir von zig
Leuten angesprochen, ob wir nicht Geld wechseln wollten. Da wir die Verhältnisse noch nicht so
kannten, lehnten wir dankend ab. Vielleicht hatten sich heimlich Stasi-Leute unter die
Schwarzhändler gemischt, um paar böse Wessis verhaften zu können...
Nun ging es mit der S-Bahn nach Lichtenberg weiter. Im Ostteil der Stadt gab es offenbar keine
Holzklasse mehr. In Lichtenberg wollten wir schon mal die Fahrkarten für die Rückfahrt kaufen.
Nach Büchen hätte es knapp 60 DM gekostet. Wir hatten jedoch eher an die Preisklasse der Hinfahrt
gedacht. Daher beschlossen wir, uns auf dem Rückweg noch etwas Schwanheide anzuschauen und
lösten ein Ticket dorthin. Das kostete dann nur 21,80 M.
Nun ging es aber endlich in Richtung Innenstadt. Mit der S-Bahn fuhren wir zunächst zum
Hauptbahnhof.
Die Halle schien ganz neu zu sein; vereinzelt hingen noch willenlose Kabelenden
in der Luft. Wir beobachteten einige S-Bahn-Züge; in Sachen Fernverkehr lief allerdings weniger ab.
Lediglich einige leere Transitzüge, die östlich Friedrichstraße als Leerzug verkehrten,
passierten den Hauptbahnhof. Von außen war das Gebäude schön angestrahlt. Uns gefiel dieser
neue, saubere Bahnhof mit seiner großzügigen Halle sehr gut. Nach der Besichtigung dieses
Hauptbahnhofs, der eigentlich nie einer war, fuhren wir mit der S-Bahn zu einem zweiten
Zwischenhalt am Alexanderplatz weiter. Auch hier packten wir unsere Stative aus, um den
Fernsehturm zu fotografieren. Der war allerding dann doch etwas hoch... Ansonsten kam uns der
Platz sehr fremdartig vor. Diese derartig große Fläche umgeben von den sozialistischen
Einheitsbauten war etwas vollkommen Neues für mich. --- Es war kalt und daher ging es bald mit
der -zugegebenermaßen kaum wärmeren- S-Bahn weiter zur Friedrichstraße. Von dort ist es nicht
weit zur Prachtstraße "Unter den Linden".
Die Stadt war hier eigenartigerweise recht leer.
Entlang von Friedrichstraße und Unter den Linden waren regelrecht die Bürgersteige hochgeklappt.
Kaum eine
Menschenseele war zu Fuß unterwegs. Lediglich auf den Straßen waren noch einige Autos unterwegs.
Wir genossen es, den breiten Mittelstreifen zwischen den Alleebäumen (Linden?) fast für uns zu
haben. Weit in der Ferne konnte man schon das prächtig beleuchtete Brandenburger Tor ausmachen.
Die Häuser auf linker und rechter Straßenseite fielen kaum auf. Das lag einerseits natürlich an
den Bäumen entlang des Mittelstreifens, andererseits aber auch an der Finsterkeit der Fassaden.
Es gab keine beleuchteten Schaufenster, kaum Leuchtwerbungen. Nur grauer Putz. Aber den sah man
in der Dunkelheit natürlich nicht. So schritten wir dann unter den Linden langsam auf das
Brandenburger Tor zu. Je näher wir dem Tor kamen, desto öfter hielten wir an, um die Stative
zwecks Foto aufzustellen. Vor dem Tor noch eine Querstraße, dann standen wir fast
davor. Hier gab es damals noch keinerlei Autoverkehr. So kam es, dass wir diese feierliche Stille
spürten. Hier, mitten in der größten deutschen Stadt, herrschte Stille!
Auch die hier nun wieder
reichlich entlang flanierenden Menschen genossen diese abendliche Ruhe und sprachen bestenfalls
in andächtigem Flüsterton miteinander. Doch dann war ein zunächst unbestimmbares Geräusch zu
hören. Ein merkwürdiges Klopfen und Hämmern, das immer lauter wurde, je mehr man sich dem Tor
näherte. Die Mauerspechte! Es wurde an diesem Abend um 21 Uhr am Brandenburger Tor nicht
gesprochen, sondern emsig gehämmert. Dann war es soweit. Ein unbeschreibliches Gefühl, das
Tor zu durchschreiten,
dass am Wochenende zuvor eine der wohl schönsten Silvesterfeiern des Jahrhunderts erlebt hatte.
Nachdem wir den Zollcontainer passiert hatten (wir mussten den Grenzer fast überreden, uns
einen Stempel in den Reisepass zu geben), sahen wir dann die Spechte. Auch sie sprachen nicht.
Sie arbeiteten konzentriert an ihren Löchern, auf dass ihnen auch kein Stein davonhüpfte. Ein
derartig rege-stilles Treiben habe ich sonst noch nie erlebt. Müssen so viele Menschen an einem
Ort nicht viel mehr Lärm machen? Leider hatten wir kein geeignetes Werkzeug zum Steineklopfen
dabei, doch ein Ami schenkte uns paar kleine Stücke. Für eine DM erwarb ich dann bei einem
Händler ein besprühtes Mauerstück hinzu. Nur schwer konnten wir uns von dem Schauspiel losreißen.
Diese feierliche Stille wird am Brandenburger Tor nie wieder zu erleben sein. Heute führt entlang
des Mauerstreifens eine breite Straße. Vor dem Tor befindet sich jetzt eine große Kreuzung mit
Ampel. Durch das Tor strömt jetzt der Autoverkehr. Was für eine städteplanerische
Geschmacklosigkeit!
Nachdem wir auch den Reichstag inspiziert hatten, trieb uns die Kälte in
den Bus Richtung Kudamm. Dort liefen wir noch etwas auf und ab, bevor wir in einer Gaststädte
den Tag ausklingen ließen.
Vom Bahnhof Zoo ging es um 22.54 Uhr mit der West-S-Bahn zur
Friedrichstraße und mit der Ost-S-Bahn weiter nach Lichtenberg, wo unser Zug auch bald von
Hamburg her eintraf. Er bestand aus einer 132 und zwölf Silberlingen. In einem Wagen ließ sich
wenigstens das Licht abstellen. So trug es sich zu, dass sich in diesem Wagen auch die Handvoll
Fahrgäste versammelte. Wir konnten uns auf zwei Sitzgruppen verteilen und hatten nicht zuletzt
wegen unserer großen Müdigkeit eine angenehme Fahrt. Natürlich verspürten wir in Schwanheide
keine Lust, das warme Abteil zugunsten einer morgendlichen Dorfbesichtigung zu verlassen.
Aber es gab ja die Möglichkeit des Nachlösens...