Copyright by Jan-Geert Lukner
Noch viele Male mussten wir im Wartesaal von Schwanheide
die abendlichen anderthalb Stunden totschlagen. Wir nutzten die Zeit zum Lernen oder für
Vorbereitungen auf Einstellungstests. Die nächsten Touren führten mich zum "Karower Knoten",
zu "Molli", in die Altmark (Diesdorf...), nach Klütz und Rehna. Auch auf diesen Touren gab es
unzählige neue Eindrücke für mich. Für mich als Nebenbahn-Liebhaber stellte die Fahrt mit der
Ferkeltaxe von Salzwedel nach Diesdorf einen absoluten Höhepunkt dar. Hier konnte man noch
richtige Kleinbahn-Romantik erleben. In Rehna wollte mir erstmalig ein Eisenbahner das
Fotografieren auf dem Bahnsteig verbieten. Glücklicherweise war kurz vorher durch die
Eisenbahnzeitschriften die offizielle Aufhebung des Fotoverbotes bekanntgegeben worden.
Die unzureichenden Zugverbindungen über die Grenze machten es nicht gerade einfach, vernünftige
Touren auf die Beine zu stellen. Gerade über Büchen hatte man keine große Zugauswahl. Für die
Verbindungen über diese Strecke hatte ich mir einen handschriftlichen Fahrplanbehelf aufgestellt.

Für die Touren in die Altmark erwies es sich als günstig, um 06.12 Uhr Hamburg mit dem Eilzug
nach Rostock zu verlassen, der in Bad Kleinen Anschluss an einen Schnellzug in Richtung Stendal
hatte. Der Eilzug hatte auf der eingleisigen Strecke Lübeck - Bad Kleinen in fast jedem Bahnhof
Kreuzung mit einem Gegenzug (in Herrnburg sogar mit zweien). Und all diese Züge waren samstags
brechend voll...
Dummerweise hatte ich am vorangegangenen
Wochenende nur für mich eine Fahrkarte für den östlichen Streckenteil ab Schwanheide (Gr)
besorgt. So begannen die Probleme bereits bei der Fahrkartenkontrolle im Nachtzug. Der Schaffner
(einer von der alten Sorte) wollte von Matthias Westgeld haben. Und mit meiner in Schwanheide
ausgestellten Karte von Schwanheide-Grenze rannte er wütend zum Schalter, weil er meinte, dass
es hätte Büchen (Gr) heißen müssen. Wir sahen uns schon den Zug in Schwanheide verlassen, um nach
einer Nacht im Warteraum mit dem Gegenzug zurückzufahren. Meine Karte erkannte der Schaffner dann
aber doch an und mit Matthias einigte er sich darauf, dass er bis Ludwigslust 24 DM und ab
dort 39 M zahlen sollte. Ein weiteres Problem war, dass wir nicht genügend Umtauschbescheinigungen
für die Summe an Ostgeld dabei hatten, die wir mit uns führten.
Nur mit Umtauschbescheinigung
der "Staatsbank der DDR" war es erlaubt, DDR-Geld einzuführen. Dort war der Kurs 1 DM = 3 M.
Wenn man an westdeutschen Wechselstuben tauschte, bekam man anfangs noch einen Kurs
von 1 DM = 20 M. Die Ostmark stieg aber rapide im Kurs, so dass der Kurs im Westen bald
auf den Umtauschkurs der DDR-Staatsbank zulief. Jedenfalls durfte ich dem Zoll erstmalig den
Inhalt meiner Taschen "vorführen". Glücklicherweise musste Matthias nicht auch noch seine Taschen
vorführen...
Nach diesem Stress verlief die Fahrt im eigenen Abteil angenehm. Von Dresden ging es erstmal mit
der S-Bahn durchs Elbtal nach Schöna und zurück, bevor wir die Stadt in Augenschein nahmen. Die
Stadt selbst gefiel mir überhaupt nicht. Für den sozialistischen Stil der Prager Straße hatte ich
damals noch nichts übrig. Und die historischen Bauten glichen Trümmerhaufen bzw. machten einen
furchtbar heruntergekommenen Eindruck. In einem SB-Restaurant, einer dieser
Massenabfütterungshallen, aßen wir zu Mittag, wobei die Kartoffeln sich in einem furchtbaren
Zustand befanden.

Im Selketal hatten wir nach den furchtbar trüben Monaten
Januar und Februar erstmalig Sonne, so dass wir sogar Streckenaufnahmen machen konnten.
Anfang März nutzten wir die noch sehr günstigen
Schlafwagenverbindungen (13 M Aufpreis), so dass wir an drei aufeinander folgenden Tagen Rügen,
Zittauer Gebirge und die Prenzlauer Kreisbahn abklappern konnten. Auf dieser Tour war ich dann
auch erstmals in einem typischen DDR-Supermarkt in Zittau. Der Zustand einiger Waren machte
einen mitleiderregenden Eindruck. Vielleicht sollten sich diejenigen, die die Mauer wiederhaben
möchten, solche Bilder vor Augen führen...
Vor der Kaufhalle stand ein ca 50-jähriger Mann,
der Blumen verkaufte, die
so aussahen, als hätte er sie auf der nächsten Wiese gepflückt. Die Szene hatte etwas derartig
menschliches, dass ich Mitleid empfand. Oder bin ich zu konsumverdorben?
Nach den ersten zehn Touren hatte ich mich in meinem Tagebuch ein wenig über das bisher erlebte ausgelassen. Hier einige Auszüge:
"Bei den ersten sieben Touren bekam ich das Gefühl, dass das Urteil, die DR sei unpünktlich,
ein Vorurteil sei. Während dieser sieben Touren hatte ich keine einzige nennenswerte Verspätung
bei der Reichsbahn. Ab der achten Tour konnte ich mich dann allerdings auch vom Gegenteil
überzeugen. Und wenn Verspätung, dann richtig. An Anschlusszüge war da nicht mehr zu denken."
"Ein anderes Kapitel bei der Deutschen Reichsbahn ist die Sauberkeit (besser: Der Dreck).
Besonders ekelhaft sind die Klos. (...) Traurig ist auch die Tatsache, dass es eine große
Seltenheit ist, wenn man den Wasserhähnen mal einen Tropfen Wasser entlocken kann. Es ist kein
sehr schönes Gefühl, sich den ganzen Tag lang nicht die Hände waschen zu können. Und das bei
diesen schmutzigen Wagen, wo alles von einer gewissen Dreckschicht überzogen ist..."
"Natürlich hat man auch neben der Schiene Eindrücke gesammelt. (...) Ob in sozialistischem
Einheitsstil gebaut oder ursprünglich, wenigstens sehen die Stadtkerne noch einigermaßen
gepflegt aus. Schlimmer sieht es dagegen in den Vorstädten aus. Entweder man findet hier alte
farblose Stadthäuser, die in einem furchtbaren Zustand sind oder es gibt aus dem Boden
gestampfte Trabantenstädte, die ausschließlich aus vier- und mehrstöckigen Wohnsilos
bestehen, welche einzig und allein zu dem Zweck gebaut worden sind, möglichst viele Leute in
möglichst kurzer Zeit möglichst preiswert unterzubringen.
Dementsprechend sieht das dann auch
aus.
An das Wort "Begrünung" ist in diesen Stadtvierteln offenbar noch nicht gedacht worden.
Leerflächen zwischen den Häusern werden nicht bepflanzt. Eine Leerfläche bleibt wirklich leer,
abgesehen von dem Matsch, aus dem eine solche Fläche besteht, und von dem Müll, der sich hier
recht schnell ansammelt. Der Müll ist in der DDR sowieso allgegenwärtig.
Zwar findet man auf
der Straße verstreut recht wenig Müll; dafür finden sich teilweise sogar in schönster Natur
kleinere Müllhaufen, die wohl nicht immer so ganz offiziell sind."
”Bei den Mehrtagestouren konnte ich weitere interessante Erfahrungen in Sachen
Selbstverpflegung machen. Es ist sehr schön, dass man in der DDR preiswert in den vielen
Mitropa-Restaurants essen kann. Wann gab es das schon mal [als Schüler], dass ich bei einer
Bahnfahrt in Westdeutschland etwas Warmes essen konnte (mal abgesehen von Mc Doof). Die
Qualität des Essens und die Atmosphäre in den Mitropa-Restaurants ist vergleichbar mit
bundesdeutschen Kantinen (für den geringen Preis ist das Essen durchaus akzeptabel)."
"Trotz der vielen schönen Gegenden, die ich während meiner ersten zehn Touren kennengelernt
habe (Harz, Osterzgebirge, Zittauer Gebirge, Rügen, Mecklenburg...) ist die DDR momentan
(und sicher auch in den nächsten Jahren) kein Land, in dem ich leben möchte. Die technische,
bauliche, umwelttechnische und soziale Anpassung an den Westen wird eine sehr große
Herausforderung. Es bleibt zu hoffen, dass der (...) Westen und der (...) Osten dieser
Herausforderung gewachsen sind."
Soweit O-Ton Tagebuch aus dem Jahre 1990.
