Die Wende (5)
Weltreise in den Harz
Copyright by Jan-Geert Lukner
März: Thüringer Wald
Inzwischen war die heiße Phase des Wahlkampfes angebrochen. Die ersten wirklich freien Wahlen
standen vor der Tür. Wenn es nach dem Wahlkampf ging, hatte die CDU die Wahl bereits klar
gewonnen. Bei meiner ersten Tour in den Thüringer Wald am 13.03. klebten an allen erdenklichen
Flächen CDU-und nur selten SPD-Plakate.
Offenbar kam die CDU auch beim Lokpersonal gut an...
Bei der Wahl am 18.03.90 gewann Lothar de Maiziere (CDU) entsprechend haushoch. (Bei Lothar de
Maiziere fällt mir immer diese "Hurra Deutschland"-Puppe mit den Spritzdrüsen auf der Oberlippe
ein, die die feuchte Aussprache persiflierte...). Wie unentschlossen viele DDR-Bürger vor der
Wahl waren, hatte uns bereits im Februar ein Gespräch mit einem Mitropa-Kellner gezeigt, der uns
fragte, was er denn wählen solle...
Die Verspätungen erreichten nun schon kuriose Ausmaße. Als ein Schnellzug von Berlin, auf den
wir in Gehlberg zwecks Foto warteten, schon längst überfällig war, meinte der dortige
Fahrdienstleiter auf unsere diesbezügliche Frage nur erstaunt: "Wieso, der kommt doch ganz von
Berlin. Das sind immerhin über 300 km !" Der Zug hatte letztendlich eine volle Stunde Verspätung.
Der Thüringer Wald gefiel mir so gut, dass ich ihn im März gleich zweimal aufsuchte. Und dies mit
allen damit verbundenen Strapazen. Nachtzug hin, um 3.38 Uhr in Halle raus und zurück ebenfalls
wieder mit Nachtzug ab Leipzig.
Glücklicherweise war der Nachtzug meistens relativ leer, so dass
man meistens ein eigenes Abteil hatte. Dummerweise war da noch immer der Grenzaufenthalt
in
Schwanheide, wo man noch immer gelegentlich den Inhalt der Taschen vorführen musste.
Und als
Fahrkarte griffen wir nun immer auf die bewährte Methode zurück, bei der jeweiligen Bahn
Binnen-Fahrscheine für den Abschnitt bis/ab Grenze zu lösen. Damit konnten wir vermeiden, für
die ganze Fernstrecke den DR-Abzockerpreis von ca 23 West-Pfg/km anstelle 7 Ost-Pfg/km zu
bezahlen. Oder wir nutzten weiterhin den Bus von Lauenburg nach Boizenburg. Was für eine
komplizierte Anreise selbst eine simple Harz-Tour erforderlich machte (es fehlte einfach die
Verbindung Bad Harzburg - Wernigerode), soll folgendes Tourbeispiel zeigen:
Samstag, 14. April 1990: Eisfelder Talmühle
Zunächst waren wir am Freitag noch die Dömitzer Strecke abgefahren, dann begannen wir die
Wahnsinns-Nachtfahrt:
D 739: Ludwigslust 20.02 > Leipzig 00.40+10
Dieser Zug war schon mal ein netter Start in die Nacht. Nur Abteilwagen und herrlich leer.
P 7320: Leipzig 1.00 > Halle 1.40
Diesen Zug zu benutzen war nicht so ganz einfach. Kurz vor der Abfahrt - wir hatten es uns gerade
im letzten Wagen bequem gemacht - kam folgende Durchsage (in einem Atemzug): "Achtung an Gleis 9
beim Persönenzüg nach Halle bitte nur in die vorderen Wagen außerhalb der Halle einsteigen Bitte
einsteigen Türen schließen und vorsicht bei der Abfahrt!" Wir sind aufgesprungen und wie die
Wilden nach vorn gerast. Tatsächlich kam da eine Trennstelle, hinter der wir wieder in den Zug
reingesprungen sind. Da fing die Aufsichtstante an zu keifen: "Ey, sind sie noch zu retten, der
Zug nach Halle hält außerhalb der Halle, ich werd' euch gleich mal helfen...".
Wir haben den Zug,
der hinter einer zweiten Trennstelle stand, dann gerade noch erreicht. Über die anderen Fahrgäste,
die hinten mit uns zusammen im Wagen gesessen hatten, konnten wir nur noch Mutmaßungen anstellen.
In Halle unterhielt uns dann ein Penner in der Bahnhofshalle, der allen von seinen Millionenkonten
im Westen erzählte. Als ihn ein kleiner Pudel ankläffte, fing der Penner an, ihn mit seiner
Fahrradklingel anzubimmeln. Das nenn' ich Leben, so mitten in der Nacht auf dem Bahnhof. Bald
stand dann auch der Nacht-Personenzug nach Nordhausen bereit. In Halle hatten wir kurioserweise
weder ein Ticket nach Ellrich, noch nach Walkenried bekommen. Lediglich "Wallkenried" war
verfügbar...
P 4520: Halle 02.40 > Nordhausen 04.56
Irgendwie war die Stromversorgung defekt. Daher blieb angenehmerweise in den Bghw-Wagen die
Innenbeleuchtung aus. Weniger schön war die ebenfalls nicht funktionierende Heizung. Es war
nachts noch immer empfindlich kalt. Da um 04.56 an einen Sonnenaufgang noch nicht im mindesten
zu denken war, gab es noch einen Abstecher nach Ellrich, bevor wir dann im ersten Morgengrauen in
Niedersachswerfen Ost in die Schmalspurbahn stiegen. Durch die morgendliche Stille waren auf dem Weg
zum Ostbahnhof von überall her die imposanten Pfiffe der Dampfloks zu hören.
Den Tag verbrachten wir dann bei ungemütlich-grauem Wetter an der Harzquerbahn, die zu jener
Zeit etwas häufiger als heute fuhr. Die Landschaft war natürlich imposant, doch aufgrund des
Wetters kamen keine all zu tollen Bilder zustande. Abends gab es natürlich keine Möglichkeit,
noch vor Mitternacht zurück in Hamburg zu sein. Daher war folgende aufwendige Rücktour nötig:
D 649: Wernigerode 19.09 > Magdeburg 21.03
In Magdeburg blieb Zeit für eine kleine Stadtbesichtigung. Das Rathaus bestand offenbar nur aus
einer historischen Fassade (wenn ich das richtig in Erinnerung habe). Ansonsten wieder viel
sozialistische Einheitsbauweise. Die Besichtigung zweier Kirchen sparten wir uns mal, da dort
gerade Gottesdienste im Gange waren. Frohe Ostern! Dann fuhren wir zwecks Vergrößerung der
Nachtruhe unserem Nachtzug entgegen:
D 739: Magdeburg 22.31 > Köthen 23.19
D 1136: Köthen 23.53 > Hamburg Hbf 05.24
Der Frühling kommt!
Nach den Ostertagen begann endlich die Sonne, uns verstärkt zu beglücken. An den Bäumen zeigte
sich erstes Grün und wir stellten fest, dass auch in der bisher fast nur finster-grau erlebten
DDR die Büsche in allen Farben blühen konnten... Vögel zwitscherten in allen Tonlagen und die
Weite der LPG-Felder leuchtete zuweilen bis zum Horizont in betörendem Gelb. Uns fiel der
Wildreichtum auf. Rehe konnte man auf jeder Mecklenburg-Tour erleben, doch oft konnte ich bei
späteren Eisenbahntouren still am Bahndamm sitzend sogar Hasen, Füchse und Greifvögel beobachten.
Das Wochenende nach Ostern gehörte zu diesen schönen Tagen und ich verbrachte fast den ganzen Tag
im Bereich Plüschow (Strecke Lübeck - Bad Kleinen). Zwar führten die Schnellzügen nicht mehr
die erhofften Umbauwagen (Byg usw.), die einige Wochen zuvor noch immer als Verstärkung eingesetzt
worden waren, doch gab es auch so genug Züge, von denen man sich heute sagt, davon hätte man mehr
fotografieren müssen.
Fortsetzung